CVK CCM

CC 9

25.-26. November 2011
Aus der Praxis - für die Praxis

Schwerstverletzten und Polytrauma Versorgung

Das Polytrauma

 

Epidemiologie:

In Deutschland ereignen sich pro Jahr sieben bis acht Millionen Unfälle mit etwa 580 000 Verletzten, davon 33.000 bis 38.000 Schwerverletzte mit einem ISS > 16 (siehe Definitionen). Die erfolgreiche Behandlung eines polytraumatisierten Patienten mit operativen und intensivmedizinischen Maßnahmen ist trotz Fortschritten im Verständnis der Pathophysiologie, der Diagnostik, der chirurgischen und intensivmedizinischen Therapie eine interdisziplinäre Herausforderung. Derzeit erliegen in Deutschland immer noch 14% der polytraumatisierten Patienten ihren Verletzungen  und sterben entweder noch vor Erreichen des nächsten Krankenhauses oder aber während des stationären Aufenthalts. Somit bleibt in Mitteleuropa der Unfall mit schwerem Trauma die häufigste Todesursache bei Menschen unter dem 40. Lebensjahr.

 

Definitionen:

Als Polytrauma werden Verletzungen mehrerer Körperregionen oder Organsysteme genannt, wobei wenigstens eine Verletzung oder die Kombination mehrerer Verletzungen vital bedrohlich ist. Das Polytrauma ist von der Mehrfachverletzung ohne vitale Bedrohung oder der schweren, lebensbedrohlichen Einzelverletzung (Barytrauma) zu unterscheiden.

Zur Einschätzung der Verletzungsschwere wurden unterschiedliche Klassifikationen eingeführt:

  • 1965 führte die Association for the advancement of automo-tive medicine die Abbreviated Injury Scale (AIS) ein. Die AIS bewertet jede Einzelverletzung mit einer Punktzahl von 1 bis 6 Punkten (leicht bis nicht überlebbar).
  • Baker et al entwickelte 1987 aus dem AIS den Injury Severity Score (ISS). Dabei wird aus den einzelnen AIS-Werte (Abbreviated-Injury-Scale) der ISS errechnet. Der Grad der Verletzungsschwere wird auf einer Scala von 1 bis 6 für 6 Körperregionen (Schädel und Hals, Gesicht, Thorax, Abdomen, Extremitäten, Weichteil) bestimmt. Die Punkte der 3 am schwersten betroffenen Regionen werden quadriert und zum ISS addiert. Bei einem ISS ≥ 15 spricht man nach dieser Definition von einem Polytrauma.
  • Der Hannoveraner Polytraumaschlüssel (PTS) nach Oestern, Tscherne, Sturm und Nerlich von 1985 berücksichtigt im Vergleich zum ISS ebenfalls die einzelen Verletzungen nach Regionen aber auch deren Anzahl und mit dem Alter die biologische Konstitution des Patienten. Die Regionen Schädel (PTSS), Abdomen (PTSA), Extremitäten (PTSE), Thorax (PTST), Becken (PTSB) und das Alter werden je nach Schweregrad mittels Punktewerten klassifiziert. Nach Addition der Punkte erfolgt eine Einteilung in 4 Schwere-grade: I < 19, II 20-34, III 35-48, IV >49 Punkte.

 

Eine weltweit einheitliche Definition des Begriffs Polytrauma existiert nicht.

 

Wir

Unser Zentrum bietet die umfassende Versorgung des Schwerstverletzten vom Unfallort bis zur Nachsorge nach der Rehabilitationsphase an.

 

Notfallmedizin

Wir beteiligen uns aktiv am Notarztdienst in Berlin. Weiterhin erfolgte eine kontinuierlich Aus-/Fort- und Weiterbildung von Rettungsdienstpersonal und Notärzten auf dem Gebiet der Traumatologie. Seit nunmehr 11 Jahren ist unser Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie Gastgeber des Berliner Rettungsdienstsymposiums, welches gemeinsam mit der Berliner Feuerwehr und dem Unfallkrankenhaus Berlin organisiert wird. Dies ist mittlerweile der 5. Größte Notfallmedizinische Kongress in Deutschland und der einzige in dieser Größe dessen Teilnahme kostenlos ist.

Notarzteinsatzfahrzeug (NEF)

 

Infrastruktur:

Virchow Klinikum - Zentrum für Schwerstverletzen- und Polytrauma Versorgung

Der behandelnde Notarzt, das Rettungsdienstpersonal oder die Rettungsleitstellen können 24h/365Tage einen Schwerstverletzten über unsere "Trauma-Hotline" in unserem Zentrum anmelden. Dabei ist die Versorgung von bis zu 3 Schwerstverletzten gleichzeitig möglich. Das Virchow Klinikum wurde als überregionales Traumazentrum im Traumanetzwerk Berlin/Brandenburg eingestuft. Unsere Klinik verfügt über alle, im Weißbuch der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) empfohlenen Fachabteilung 24h/365d im Jahr. Neben chirurgischen Spezialgebieten (Transplantationschirurgie, Deutsches Herzzentrum, Kinderchirurgie) wird an unserem Traumazentrum das komplette Spektrum der modernsten Intensivmedizin mit Organersatzverfahren (Nieren-/Leberersatzverfahren und Zentrum für Lungenversagen (ARDS) durchgeführt.

Notfalloperationen werden ohne Zeitverlust direkt im Schockraum durchgeführt. Die Intensivstationen und der Zentral-OP-Trakt befinden sich eine Etage oberhalb des Schockraums und sind durch einen Aufzug ohne Zeitverlust direkt erreichbar.

Unsere Fallzahlen:

Pro Jahr werden in unser Traumazentrum ca. 700 Schwerstverletzte als Voralarm über die Trauma-Hotline angemeldet und behandelt, wobei 50% dieser Patienten ein Polytrauma erlitten haben. Zusätzlich werden ca. 15 polytraumatisierte Kinder pro Jahr in unserem Schockraum erstversorgt.

Schockraum am Campus Virchow Klinikum

 

Schockraum

Nach Eingang eines Voralarms stehen 16 Ärzte und Pflegekräfte bereit, um den Schwerstverletzten vom Rettungsdienst zu übernehmen. Die interdisziplinäre Schockraum-Versorgung findet unter der Leitung der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie statt.

Die Versorgung der Schwerstverletzten in unserer Klinik ist standardisiert und in einem an das ATLS (Advanced Trauma Life Support) angelehnten Schockraumalgorithmus festgelegt.

Schockraum Algorithmus

 

Qualitätssicherung - Patientensicherheit

Für die Sicherheit unserer Patienten und Qualitätssicherung unserer Schwerstverletzten Versorgung ist unsere Klinik aktiv am Traumaregister der DGU beteiligt. Unsere Klinik als überregionales Traumazentrum im Traumanetzwerk Berlin/Brandenburg eingegliedert. Weiterhin gibt es eine Arbeitsgruppe Polytrauma und  Schockraum- Algorithmus, welche die Behandlungsalgorithmen, Datenauswertungen und interdisziplinäre Fallbesprechungen zur internen Qualitätssicherung organisieren und erstellen. 

Die Effektivität dieser Maßnahmen bestätigen die jährlichen Jahresberichte des Traumaregisters der DGU. 2007 konnte unser Zentrum eine Sterblichkeit der  Schwerstverletzten von 9,2%, über 2% unter dem Durchschnitt in Deutschland, verzeichnen.

 

Ausbildung:

Unser Zentrum ist aktiv an der Aus-/Fort- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Polytrauma Versorgung tätig. Diese finden im Rahmen des Berliner Rettungsdienstsymposiums, Ausbildung von Notärzten, ATLS Kursen (Kurszentrum Berlin), DSTC (Definitiv Surgical Trauma Care) Kursen statt. Weiterhin werden spezielle Studentenkurse bezüglich des Schockraum Managements angeboten.

Vertreter unserer Klinik sind Mitglied in der Sektion Notfall Intensiv- und Schwerstverletzten Versorgung der DGU, der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), des Ständigen Beirates für Erste Hilfe und Wiederbelebung bei der Bundesärztekammer und waren an der Erstellung der neuen S3 Leitlinie Polytrauma der DGU und Reanimations- Leitlinien beteiligt.

 

Wissenschaft - AG Polytrauma

Zur Verbesserung der Schwerstverletztenversorgung werden verschiedenste Studien in unserem Zentrum durch die Arbeitsgruppe Polytrauma durchgeführt. Die wissenschaftlichen Schwerpunkte sind auf dem Gebiet der notfallmedizinschen Versorgung des Schwerstverletzten, des traumatischen Gerinnungsversagens (Koagulopathie) und der Akut- Phase Reaktion nach Trauma.

Durchgeführte oder aktuelle Studien:

·        Faktor VIIa 1711-Trauma Studie (NovoSeven)

·        Damage Control Studie bei Femurfraktur

·        MP4OX-09-TRA-204 (Sangart)

·        Immunolog. Polytrauma Studie

·        Critical Illness Myopathie und Polyneuropathie

 

 

Kontakt:

 

Notfälle: Trauma - Hotline                   030 - 450 60 000

Verlegungen/Beratung:                         030 - 450 652 810

AG Polytrauma:                                   christian.kleber(at)charite.de

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.ag-polytrauma.de

                       

Internet:

www.atls.de

www.traumaregister.de

www.dgu-online.de

www.trauma.org

www.dgu-online.de